Sokrates, der Urvater aller westlicher Selbstkultur, brachte es auf den Punkt: Du musst dich um dich selbst sorgen. Sorgen, das hieß: Auf sich achtgeben, sich und sein Leben nicht länger als gegeben hinnehmen, sondern zum Objekt einer kritischen Aufmerksamkeit und Lebenskunst machen. Das eigene Leben als eine Art Kunstwerk sehen, an dem es täglich zu arbeiten gilt. Das ist Selbstkultur.

Keine Frage, dass eine der ersten Erfordernisse eines solchen Projekts in einer besonders geschulten Aufmerksamkeit liegt. Denn damit man etwas an sich ändert, muss man zunächst einmal bemerken, dass es an sich selbst etwas zu ändern gibt – und das man an sich etwas ändern kann. Die Haltung des „So bin ich halt“ aufgeben. Es gilt, durch den Nebel des Alltags hindurchblicken, durch die Gewohnheiten und Routinen, auch durch die eigenen Denkmuster. Das ist nicht einfach, und das lässt sich nicht von einem Tag auf den anderen einrichten.

Deshalb haben die Schulen der Selbstkultivierung eigene Übungen für die Aufmerksamkeit entworfen. Bekannt sind die Meditationen und Achtsamkeitsübungen der Buddhisten, aber auch im Christentum oder bei den Stoikern gibt es vergleichsbares.

Wir werden einige dieser Techniken noch kennenlernen. Der erste Schritt besteht jedoch darin, dazu bereit zu sein, den Nebel des Alltags zu durchbrechen und sich und seine Umgebung bewusster wahrzunehmen. Immer wieder im Alltag kurz innehalten, bewusst ein- und ausatmen, sich auf diesen Atem konzentrieren, und dann auf sich selbst, die eigenen Gefühle. Wieder in sich hineinkommen; zurück von der Hektik der äußeren Welt in den eigenen Körper einkehren. 5 Minuten reichen – entscheidend ist, dass man es tut, und das man es sich angewöhnt, es täglich zu tun. Man muss Muster bilden – das ist ein Kernelement der Selbstkultur. Hier bietet sich z.B. an, morgens vor der Arbeit bzw. ersten Tätigkeit, sowie abends nach erfolgter Arbeit für fünf Minuten auf diese Weise innezuhalten, sich bewusst werden und ebenso bewusst mit jedem Einatmen ein Stückchen mehr in den eigenen Körper und Geist zurückzukehren.

Die Aufmerksamkeit zu kultivieren ist ein erster Schritt – und gleichzeitig ist sie eine Kunst, die nur schwer zu erlernen ist. Sie ist der Beginn der Selbstkultivierung und gleichzeitig ihr „Ende“. Im Grunde führt jede der zahlreichen Übungen der Selbstkultur hin zu ihr. Man fängt klein an, und man braucht Geduld. Man wird viele Male scheitern, so lange, bis man lernt, die eigenen Erwartungen aufzugeben. Und weiterzumachen.

Dass die Welt voller Ablenkungen steckt – und dass sie uns vor der wichtigsten Aufgabe überhaupt ablenkt, nämlich: werden, wer wir sind – wusste man bereits in der Antike. Heutzutage ist die Herausforderung eine ungemein größere: Bildschirme überall um uns herum verlocken uns mit einem Programm, das auf nichts anderes abzielt, als unsere Aufmerksamkeit zu gewinnen, die längst zu einer Währung in der digitalen Ökonomie geworden ist. Wer also die eigene Aufmerksamkeit schulen will, wird nicht darum herum kommen, das eigene Handy wegzulegen und von wichtigen Telefonaten abgesehen nur noch zu wenigen festen Zeiten am Tag zu konsultieren. Ich beispielsweise schaue nur noch morgens und abends auf mein Handy, wenn nicht gerade ein wichtiger Anruf reinkommt. Genauso halte ich es mit dem Konsum von Nachrichten: Morgens am Frühstückstisch und dann abends nochmal das wichtigste vom Tag (und glaubt man manchen Experten, ist sogar das schon zu viel). Auch das ist leichter gesagt als getan – aber wer sein Handy außer Sichtweite legt, kommt erwiesenermaßen schon weiter. Und, das hat die Forschung bereits herausgefunden, dieser kleine Trick erhöht bereits unsere Aufmerksamkeit auf die Tätigkeit, mit der wir uns im Augenblick gerade befassen!

Zum Mitnehmen:

Die Aufmerksamkeit ist entscheidend für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und der eigenen Freiheit

Die Aufmerksamkeit ist nicht naturgegeben, sondern muss geschult werden

Ein erster Schritt besteht in 5 Minuten Innehalten und bewusst Erleben jeden Tag

Ein effektiver Hack: Handy außer Sichtweite legen und nur zu festen (Pausen-)Zeiten zu konsultieren

Nachrichten nur noch 2x am Tag konsumieren. Sich bewusst machen, dass die Informationsflut online Aufmerksamkeit nicht steigert, sondern schwächt.