Viele haben schon von Sokrates gehört: er gilt als Urvater der Philosophie, wenngleich er natürlich nicht der erste war, der versucht hat, sich durch das Denken hinter die Oberfläche der Dinge zu begeben. Dennoch war sein Denken und Wirken prägend für die weitere westliche Zivilisation.
Weniger bekannt ist aber, dass Sokrates auch ein Vertreter der Lebenskunst war, dass er sie sozusagen zum wichtigsten philosophischen Thema machte. Sokrates war kein „akademischer“ Philosoph – benannt übrigens nach der Schule, die sein eigener Schüler Platon gründen sollte – sondern er perfektionierte das Philosophieren im Alltag. Tagein, tagaus spazierte er durch die Straßen von Athen und sprach seine Mitbürger an, stellte ihnen scheinbar einfache Fragen und führte sie dann aufs Glatteis. Sein Anliegen: Ihnen zu demonstrieren, nein: sie zu der Erkenntnis zu bringen, dass sie über die alltäglichsten Dinge, die ihnen sonnenklar schienen, eigentlich gar nichts wissen, weil sie noch nie richtig darüber nachgedacht haben. Mit anderen Worten: Er brachte sie zu der Einsicht, dass der Besitz einer Meinung über eine Sache nicht gleichbedeutend ist mit dem Verständnis dieser Sache. Zwischen Meinen und Wissen klafft zumeist ein Abgrund, weil wir für gewöhnlich die Meinung übernehmen, welche die Welt uns kostenlos anbietet.
Sokrates wollte die Athener seiner Zeit aufrütteln und dazu bringen, sich grundlegende Gedanken zu machen über alles, was ihnen eigentlich klar und selbstverständlich schien. An allererster Stelle stand dabei natürlich: sie selbst. Wer bin ich? Wozu bin ich hier auf dieser Welt? Wie soll ich leben? Diese Fragen stellt man sich eher ungern; nicht wenige Denker haben bereits die Vermutung geäußert, dass der gesamte Kulturapparat bis hin zu den heutigen Massen- und sozialen Medien im Grunde nichts anderes darstellt als die Flucht des Menschen vor genau diesen existenziellen Fragen. Aber entkommen wird man ihnen dennoch nicht, diesen Fragen.
Mit Sokrates begann die „Sorge um sich“, die Selbstkultur, die zunächst philosophische Kunst des guten Lebens. Dieses gute Leben hat nichts mit materiellem Wohlstand oder Erfolg zu tun, es definiert sich viel eher durch eine maßvolle, an der Vernunft, an der Tugend und an der Wahrheit orientierten Existenz, die sich durch Freiheit und Souveränität auszeichnet. Und tugendhaft soll man nicht etwa sein, wie man im christlichen Westen lange Zeit gemeint hat, damit man irgendwann in den Himmel kommt – tugendhaft soll man sein, weil sich anders dieses gute und freie Leben nicht erreichen lässt, und weil jener, der Schlechtes tut, dadurch als allererstes Schaden nimmt. Jede unserer Handlungen hat Rückwirkungen auf unsere Seele, das wertvollste, was wir Menschen besitzen.
Als Sokrates daher von seinen Athener Mitbürgern zum Tode verurteilt wurde – er war ihnen doch zu sehr auf die Nerven gegangen – maß er dem Urteil nur wenig Bedeutung zu. Er lehnte auch das Angebot seiner Schüler ab, ihm zur Flucht zu verhelfen. Für Sokrates war es wichtiger, das Richtige zu tun und zu sterben, als das Gesetz zu übertreten und damit weiterzuleben. Er würde sein Leben verlieren, aber seine Seele bewahren. Sollen die anderen ihn beschimpfen, er wusste, was er getan hatte und dass er in der Wahrheit lebte. Seinen Prinzipien bis zum Schluss treu zu bleiben, auch angesichts des Todes, war ihm wichtiger als ein langes Leben.
Die Wahrheit war jenes Ideal, für das er zu sterben bereit war, und dessen absoluten Wert als Leitstern seiner eigenen Existenz er damit unter Beweis stellte. Auch Sokrates starb, aber der Horizont seines Lebens ging über alles hinaus, was sterblich war: und so war das Sterben kein Verlust mehr für ihn. Er hatte sich alles bewahrt, was ihn mit der anderen Seite verband. Als er starb, war er bereit und ohne Angst. Damit setzte er eines der wichtigsten Zeichen für all jene, die nach ihm kamen und sich die Frage stellten, wie sie leben sollten und ob man diese Frage durch das eigene Denken oder die Meinung der Masse beantworten sollte.
