„The hell to be endured hereafter, of which theology tells, is no worse than the hell we make for ourselves in this world by habitually fashioning our characters in the wrong way.“ (William James, The Principles of Psychology)

William James weist in diesem Zitat auf nichts anderes hin als das, was vor über 2000 Jahren der griechische Philosoph Aristoteles schon gelehrt hat: Wir sind nicht nun mal so „wie wir sind“, unsere Persönlichkeit ist nicht einfach von Natur aus unweigerlich festgelegt. Vielmehr sind wir die Person, zu der wir uns selber machen – indem wir bestimmte Verhaltensweisen zulassen und als Muster verfestigen lassen.

Wenn man früher Kinder dazu erzogen hat, immer auferecht zu sitzen, nicht in der Nase zu popeln, niemals nie die Unwahrheit zu sagen, etc., dann hatte das nicht einfach nur was mit übertriebener Pedanterie zu tun; dann ging es dabei auch nicht, wie man ca. 1968 herum meinte, um die Anpassung an eine künstliche Anstandsmoral des angepassten Spießbürgertums, sondern dahinter stand die Einsicht, dass nichts so sehr einen schädlichen Einfluss auf die eigene Persönlichkeit hat wie schädliche Verhaltensmuster und eine Nachlässigkeit in der eigenen Kontrolle darüber. Sicherlich mag das ursprüngliche Anliegen hinter der christlich-bürgerlichen Moral – die Charakterschulung oder Persönlichkeitsentwicklung – mit der Zeit verknöchert und durch ein Moralismus der Anpassung und Konformität worden sein; keine Frage. Aber, und darauf weist der durchaus nonkonforme Philosoph / Psychologe / Neurologe William James hin, das heißt nicht, dass wir deswegen auf eine gewisse Disziplin verzichten sollten. Denn wer sich nicht selbst diszipliniert, wird von anderen Mächten diszipliniert werden – und in der heutigen Zeit sind das weniger die Kirchen und Schulen als vielmehr die Mächte der Aufmerksamkeitsökonomie und des Konsumkapitalismus. Das mag sich zu Beginn nicht wie Disziplinierung anfühlen, aber der scharfe Anstieg der Suchtproblematiken, Angststörungen und individuellen Krisen in den letzten Jahren weist darauf hin, dass am Ende dieser Disziplinierung durch Außen nicht das souveräne Individuum, sondern vielmehr der angepasste Anwender-Dauerkonsument steht, der ohne die Zufuhr an externen Erlebnis- und Unterhaltungsprodukten kein zufriedenes Auskommen mit sich selbst mehr findet.

Mittlerweile wissen wir nicht nur aus der Medizin, sondern auch der Psychologie, wie wichtig beispielsweise das aufrechte Sitzen ist – für unsere körperliche wie auch unsere psychische Gesundheit. Und wer mit Nasepopeln beginnt, wird bald auch schon weitere eigene Hygienestandards schleifen lassen. Beim Popeln wie auch beim zusammengekauerten Sitzen ist das Problem also weniger der mangelnde Respekt anderen Menschen gegenüber (wie es die bürgerliche Moral verlangt) als vielmehr die Etablierung eines Musters, das in der eigenen Persönlichkeit nichts sieht, das es mit Respekt zu behandeln gilt. Darunter leidet das Selbstbewustssein, aber auch die Selbstkontrolle.

William James wusste als Neurologe und Psychologe, wovon er sprach: Indem wir unbedacht negative Handlungsmuster etablieren, wirken diese auf sich selbstverstärkend und auf unser Selbst schwächend. Wo wir dann an Selbstkontrolle verlieren, wird unser Wille schwächer und die Macht der Außenwelt über unser Denken und Handeln wächst. Wer sich schon in kleinen Dingen die Selbstkontrolle abgewöhnt, wird bald auch in größeren Dingen plötzlich Willensschwäche zeigen.

James war übrigens noch einem zweiten, verwandten Aspekt auf der Spur: Er erkannte nämlich, dass die körperliche Haltung die eigene Stimmung beeinflussen kann. Zwar nimmt man gemeinhin an, dass man lächelt, weil man sich gut fühlt – aber James konnte auch beobachten, dass Menschen sich gut fühlten, nachdem sie sich dazu gebracht haben, zu lächeln; ein Phänomen, das von verschiedenen Fachleuten seitdem bestätigt worden ist. Und auch hier spielt die richtige Körperhaltung eine Rolle: Wer sich zwingt, aufrecht zu sitzen – ganz entgegen seiner Gewohnheit – kann dadurch sein Selbstbewusstsein positiv beeinflussen. Die Körperhaltung, und das ist ein wichtiges Prinzip der Selbstkultur, bringt die dazugehörige Emotion hervor – weshalb Religionen unbedingt darauf setzen, dass beispielsweise das Beten auf den Knien ausgeführt wird, wodurch die grundlegende Haltung der Demut verstärkt wird.

Wenn wir also nicht gut darauf achten und Kontrolle darüber ausüben, welche Gewohnheiten und Denk- sowie Handlungsmuster wir übernehmen und stärken, dann, so William James, werden wir uns das Leben selbst ziemlich schwer machen.