
Nietzsche ist in der populären Sicht immer noch der egomanische Philosoph der Macht, der alles mit seinem Hammer zertrümmert, um in proto-faschistischer Manier den Übermenschen über die schwache Masse herrschen zu lassen. Diese Sichtweise beruht darauf, dass sich so mancher traditionell denkende Leser von der listenreichen und provokanten Sprachgewalt Nietzsches hat triggern lassen. Tatsächlich betont Nietzsche immer wieder, dass seine Art, „Jenseits von Gut und Böse“ zu sein, sehr wenig mit der gängigen Vorstellung zu tun hat: Wenn es keinen Gott gibt, darf ich rauben und morden, wie es mir beliebt. Wer so handelt – und er so denkt übrigens auch – beweist nichts anderes als seine eigene Schwäche.
Nietzsche behauptete nicht, dass jener Mensch gut sei, der mit seiner Überlegenheit Schwache drangsaliert und ausbeutet. Im Gegenteil: Eine solche Vorstellung von Stärke, die nicht anders kann, als sich hemmungslos an den Schwachen auszulassen zu Diensten des eigenen unbeherrschten Egoismus war für Nietzsche nicht mehr als die Rachefantasie der Gescheiterten, die sich wünschen, auch einmal zu sagen, was „Sache ist.“ Nur ein Mensch, der „im Innersten“ schwach ist, „will wehe thun und die Zeichen des Leidens sehen.“ Souveränität ist das Gegenteil exzessiver Machtausübung. Die Selbstkultivierung basiert auf einer Form der Selbstkontrolle, die Nietzsche durch eine ethisch-existenzialistische „Artistik“ auszugleichen sucht. Sie dient dem Zwecke, über das Chaos, das man ist, Herr zu werden, es zu formen, aber nicht aus Pflicht heraus, sondern im Namen einer Lebenskunst, die eine Liebe hervorbringen will, welche alles andere als selbstlos ist.
Was heißt das nun für uns? Es heißt, dass man auch anderen etwas Gutes tut, wenn man versucht, sich selbst täglich so zu behandeln, wie man seine Freunde behandelt.
