Prinzip: Carpe Diem

Menschen meiner Generation kennen das lateinische Motto „Carpe Diem“ zumeist aus dem Film „Der Club der toten Dichter“. Dort nutzt der unkonventionelle Lehrer Mr. Keating, gespielt von Robin Williams, das „Nutze den Tag“, um die jungen Schüler daran zu erinnern, dass dieses Leben, auch das ihrige, vergänglich ist. Sie werden alle einmal tot sein, „Futter für die Würmer“. Diese etwas bittere Einsicht wird jedoch zur Steigerung der Lebensintensität genutzt. Mit der Einsicht in die eigene Sterblichkeit wird der eigene Lebenshorizont quantitativ begrenzt und qualitativ erweitert: Es gilt nun, jeden einzelnen Augenblick auszukosten, als wäre es der letzte.

Jüngere Generationen dagegen halten sich an den Slogan „YOLO“ – You only live once. Wo bei Club der toten Dichter noch die Romantik Pate stand (freier Selbstausdruck und keine Angst davor, deinem Schwarm deine Liebe zu gestehen), geht es bei Yolo vor allem darum, die eigenen Lusterlebnisse zu steigern, zumeist in einem konsumistischen und pharmakologischen Kontext.

Etwas anders akzentuiert war das Prinzip dagegen bei den Stoikern, für die der Gedanke an die eigene Sterblichkeit – und die Vergänglichkeit aller Dinge auf Erden – quasi das Grundprinzip ihrer Philosophie war.

Wichtig: Dieses Prinzip musste VERINNERLICHT werden. Es reicht nicht aus, uns zu sagen: „Irgendwann bin ich tot.“ Das wissen wir alle. Es geht darum, diese Wahrheit sich so vor Augen zu halten, dass jedes weitere Denken und Handeln daraus entspringt – und das ist ein Prozess, der mitunter ziemlich heftig werden kann. Am Ende steht jedoch, so die stoische Idee, ein Mensch, der vor diesem neuen Horizont intensiver leben wird; der sich an den Dingen orientieren wird, die wirklich wichtig sind. Angesichts der eigenen Sterblichkeit werden viele Dinge, die uns tagtäglich aufregen – mein Nachbar war heute morgen wieder zu laut, der eigene Verein hat gestern sein Heimspiel verloren, etc. – ihre Bedeutung verlieren. Sie mögen vielleicht weiterhin nerven, und man darf auch was dagegen unternehmen, sofern es in der eigenen Macht steht – aber man muss sich deswegen nicht mehr selbst das Leben schwer machen.

Erst vor dem Horizont der eigenen Sterblichkeit kann man wirklich „im Jetzt leben“ – und das bedeutete für die Stoiker viel mehr als das für uns heute der Fall ist, wo die Werbung diesen Slogan vor allem nutzt, um uns zum sofortigen Kauf von Produkten zu überreden, die eigentlich kein Mensch wirklich braucht. Das stoische Carpe Diem ist in dieser Hinsicht auch ein mentales Training, das uns lehrt, dass solche Konsumprodukte, die uns sofortige, aber zeitlich leider beschränkte, Lusterfüllung versprechen, im Grunde sinn- und nutzlos sind. Mehr noch: Heutige Konsumprodukte, die unser Augenblicksbegehren ansprechen – Fast Food, Vapes, Vines, etc., Dinge also, die wir konsumieren, obwohl wir wissen, dass wir das „eigentlich“ nicht sollten – setzen eine Art temporäre Verschiebung in Gang: Die Lustbefriedigung ist da, aber sie ist nicht vollständig. Schon kurz darauf entsteht die Lust aufs Neue. Wir brauchen mehr davon. Fast Food, Suchtmittel, Games, Trendprodukte, etc., sind allesamt Dinge, die kurz kurzfristig befriedigen, langfristig jedoch Unruhe in uns stiften. In diesem Sinne ist ihr Konsum keineswegs ein „Leben im Jetzt“, sondern das absolute Gegenteil davon.

Daher bestand das Leben in der Gegenwart für die Stoiker in einer Mischung aus Askese und fokussierter Aufmerksamkeit: Jeder einzelne Moment muss bewusst erlebt werden, und er muss vollständig sein, d.h. sich selbst genügen. Das klingt ziemlich schwierig, und das war es vermutlich auch. Es ist vermutlich das Level des Weisen. Für uns reicht vielleicht das Prinzip, dass wir etwas mehr Bewusstsein in unseren von Gewohnheiten und Konsumtriggern durchzogenen Alltasg hineinbringen; uns bewusster dafür entscheiden, was wir tun wollen und wozu wir das tun wollen; dass wir die Dinge und Menschen, die uns begegnen, etwas bewusster erfahren und wertschätzen; und dass wir uns jeden Tag auf die Dinge konzentrieren sollten, die wirklich von Bedeutung sind. Welche das sind, das müssen wir selbst entscheiden – aber diese Entscheidung muss gefällt werden vor dem Horizont der Vergänglichkeit.

All das klingt im Zeitalter der Selbsthilferatgeber banal und irgendwie auch selbstverständlich. Der Trick ist aber nicht, das alles irgendwie zu „wissen“, sondern es täglich anzuwenden.